Sotschi, oder: Wie die Courage unter Strafe gestellt wurde

“Its dangerous to be right when the government is wrong” war in den letzten Tagen, Wochen und Monaten einer der wenigen roten Fäden mit denen man die weltweiten Geschehnisse verknüpfen konnte. Wir erinnern uns an Bradley Manning, Wikileaks Informant, Edward Snowden, NSA Aufdecker, und den Pussy Riot Mitgliedern, sie alle zeigten Courage, bewiesen Mut. Diese Menschen sitzen nun entweder in Haft oder werden von einem übermächtigen Staat und Boulevardpresse gejagt.

 

Courage ist der Ausdruck eines mündigen und freien Menschens.

 

Courage zeigen, das bedeutet mit Mut, Tapferkeit und dem Risiko sich selbst zu gefährden etwas zu ändern. Courage ist der Ausdruck eines mündigen und freien Menschens der seine Überzeugung über das eigene Wohl stellt. “Schauns weg, des könnens doch sonst so gut”, geschrieben mit einem etwas dickeren Stift, las ich vor einiger Zeit an einer unter einer Brücke über einem schlafenden Obdachlosen.

Wenn sich Gesellschaften an ihrem Umgang mit deren schwächsten messen lassen, wo stehen wir dann heute?

Die Natur, Tiere und Randgruppen bilden heute die unterste “Schicht”, besonders gut sichtbar wird das in Russland, konkreter bei den Olympischen Spielen die dieses Jahr in Sotschi stattfinden werden.

Die Olympischen Spiele entstanden im alten Griechenland, einem Land das nicht nur für die Entstehung der Demokratie bekannt ist, sondern auch als offene und freie Gesellschaft in welcher gleichgeschlechtliche Beziehungen akzeptiert wurden.

Russland ist da eher anders, ganz anders.

Bekannt ist das der Nachfolger des ehemaligen Sowjetstaates wenig auf Demokratie und Meinungsfreiheit gibt und seine Bürger in ihren (Menschen)Rechten beschneidet (Eine Alleinstellung ist das, wie die letzten Jahre und Monate zeigten, freilich nicht. Großbritannien, die USA und Europa holen in Sachen Postdemokratie freudig auf.), neu, dass er dies mit dem vollen Einverständnis des IOC und während den Olympischen Spielen tut:

Solidaritätsbekundungen mit der unterdrückten schwulen Bevölkerung Russlands wird sowohl durch das IOC als auch nach geltendem russischem Recht geahndet. Ihr habt richtig gelesen, Courage und Menschlichkeit ist per Strafe verboten.

In der pdf-Variante der Olympischen Charter liest man gleich zu Beginn auf einem Spruchband das edle Motto und Ziel des olympischen Gedankens:

 

Olympism is a philosophy of life which places sport at the service of humankind.

 

“Humankind”, also das Menschengeschlecht, ist ein wenig dehnbarer Begriff. Es umfasst die gesamte Menschheit (Schade ist das natürlich für die Natur, die ist spätestens seit Beginn der ersten Winterspiele 1924 mehr Opfer als Nutznießer der Sportler und ihrer Rückwirkung auf die Popularkultur.) Offenbar umfasst es nach Auslegung der Verbandsvorsitzenden jedoch keine lesbischen und schwulen (geschweige denn transgender).

Das widerspricht, freundlich gesagt, mindestens den Grundsätzen und Statuten.

Hier heist es im zweiten Punkt der fundamentalen Prinzipien völlig undifferenziert:

 

2. The goal of Olympism is to place sport at the service of the harmonious development of humankind, with a view to promoting a peaceful society concerned with the preservation of human dignity.

 

“… of human dignity”. Die Würde des Menschen ist unantastbar, wieder sieht das Internationale Olympische Comitee das etwas anders. Der wichtigste Vorteil eines fehlendenRückgrats bleibt die Flexibilität.

 

Das IOC beruft sich auf Paragraf 50 der Olympischen Charta. Der besagt, dass jede Demonstration “politischer, religiöser oder rassenbezogener Propaganda an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder anderen Bereichen” untersagt ist.

 

Das IOC scheint auch hier eine andere Auffassung von Propaganda zu vertreten wie Wikipedia und ich. Propaganda dient in erster Linie der Vorteils- und Machtgewinnung. Korrigiere mich wer will, eine schwule Weltverschwörung passt für mich aber doch besser in eine C-Klasse Hollywood Komödie als in die ernsthafte Politik. Wie wenig sich diese ausserhalb Russlands über diese Diskriminierungen kümmert zeigt der fehlende Eklat auf folgendes Ereignis. Der deutsche Aussenminister Westerwelle (bekennender Homosexueller) wurde in einem Fernsehbericht staatlichen russischen Nachrichtenagentur, in welchem er die Behörden zu einem stärkeren Schutz der Homosexuellen Bevölkerung aufforderte, eindeutig gefärbt dargestellt. Das Bildmaterial selbt wurde mit dem Hinweis “Nicht für Kinder unter 18 Jahren geeignet” ausgestrahlt.

 

Westerwelles Äußerungen werden präsentiert, als seien sie selbst homosexuelle Propaganda. Seine Kritik wird behandelt, als sei sie jugendgefährdende Pornografie – das ist Putins geschlossener Kreis der Repression.

 

Eine grobe Diskriminierung eines ranghohen deutschen Politikers? Natürlich, Konsequenzen dürften von Seiten Deutschlands trotzdem nicht zu befürchten sein. Wie verhält es sich nun aber mit der strukturellen Diskriminierung nicht eines, sondern Millionen Menschen weltweit, inklusive den partizipierenden Sportlern?

 

6.Any form of discrimination with regard to a country or a person on grounds of race,
religion, politics, gender or otherwise is incompatible with belonging to the Olympic
Movement.
Der sechste Punkt ist in meinen Augen der wichtigste und gleichzeitig verstörendste. Wenn es nicht möglich ist, Teil der Olympischen Bewegung zu sein wenn eine Diskriminierung aufgrund der oben genannten Gründe stattfindet, beteiligt sich dann nicht jeder Athlet in Sotschi an der indirekten Diskriminierung? Ist also jeder in Sotschi teilnehmde Athlet automatisch, wie es heist, “inkompatibel” mit der olympischen Bewegung?
Ein interessanter Gedanke wie ich finde, demnach käme selbst eine Teilnahme an den Spielen einem Boykott gleich. Eine Demonstration das der Sport in diesem Land keine Verbesserung bewirken muss um hier auch praktiziert werden zu dürfen.
Herr Rogge vom IOC hat aber auch hier wieder seine ganz eigene Meinung und verbietet kurzerhand jede Form der Äusserung.
Das sei nicht als Sanktion zu verstehen, sagte Rogge, sondern als “Mittel, um Athleten zu schützen, damit sie nicht unter Druck gesetzt werden, die Spiele als Plattform zu nutzen”. Das klingt ähnlich perfide wie die Kreml-Erklärung, Schwule und Lesben könnten ja zu Hause ein kuscheliges Dasein führen.

 

Wenn auch die Vergleiche mit George Orwells “1984” in den letzten Tagen und Berichten stark überstrapaziert wurden, hier erinnert der Vorwand die AthletInnen zu schützen doch stark an das dystopische Meisterwerk.

Eine Frage die bleibt, sich aber selbst beantwortet: Geht es bei den Olympischen Spielen nicht einzig um die sportlichen Leistungen der Athleten? Muss sexuelle Orientierung oder die blose Unterstützung und Akzeptanz gezeigt werden?

Ja. Der Spitzen- und Leistungssport ist ein wichtiger Teil der Popularkultur, er beeinflusst Menschen in ihrem denken und handeln. Selbst wenn die Sicherheit der LGBT Sportler garantiert ist, für andere ist und bleibt es ein Leben voll von Gefahr und Repression.

Es braucht Courage um für andere einzutreten, vor allem wenn es bedeutet die eigene Karriere zu gefährden. Kommt es zu keinen Protest oder Solidaraktionen ist das einzig als Duldung der Homophobie und einem Verfall der Menschlichkeit zu werten. Hoffen wir auf den Mut der Athleten, die nicht anders sind als wir: liebende Menschen.

– Flo

 

 

Für Interessierte:

http://www.dosb.de/fileadmin/olympia/downloads/pdf/olympic_charter_en.pdf

http://www.zeit.de/sport/2013-08/homosexuelle-ioc-rogge-putin-bach

http://www.zeit.de/2013/34/homophobie-russland

http://www.zeit.de/news/2013-08/23/wintersport-sotschi-putin-verbietet-demonstrationen-23183804

2 thoughts on “Sotschi, oder: Wie die Courage unter Strafe gestellt wurde

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